Der Newsletter des EU Knowledge Hub (EUKH) informiert Interessierte jeden Monat über verschiedene Themen aus den Bereichen Radikalisierung und Extremismus. Die Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) beteiligt sich aktiv an der Plattform der Europäischen Kommission. Unter anderem gab der DPI-Autor Lucian Reinfandt Einblick in seine Arbeit und die Inhalte seiner Publikation „Was ist populistisch am politischen Islam?“.
Meine Forschung bemüht sich darum, solche Prozesse einer politischen Radikalisierung zu erkennen, die nicht unbedingt extremistisch, und damit staatsgefährdend sind, die aber dennoch den offenen Charakter unserer Gesellschaft belasten können. Es geht also nicht darum, solche Prozesse zu kriminalisieren. Auch politische Radikalität gehört natürlich zu einer Demokratie, ist vielleicht für sie sogar wichtiger als ein blasser politischer Mainstream. Aber es wäre schade, wenn solche Radikalisierung die offene, pluralistische Gesellschaft dazu nutzt, um an ihrer langfristigen Abschaffung zu arbeiten.
Mir ist in den letzten Jahren ein Trend aufgefallen, dass eine religiöse Sprache zunehmend politisch aufgeladen wird. Das geschieht in einer Weise, die man nur populistisch nennen kann. Da häufen sich dann Gegenüberstellungen von “Wir” und “Die”. Es gibt Behauptungen, ziemlich genau zu wissen, was Gott wirklich von den Menschen will und wer von den Menschen vor Gott alles richtig macht und wer nicht. Man hört dort vom „Kampf der Kulturen“, vom „Islam“ und vom „Westen“, von „Gläubigen“ und von „Ungläubigen“. Das kommt von allen Seiten, nicht nur von Muslimen, aber in letzter Zeit, demographisch bedingt, auch immer mehr von der muslimischen Seite. Das will ich verstehen – verurteilen können das andere. Deshalb schaue ich so genau hin. Und da ist mir noch etwas aufgefallen: Islamistische Aktivisten in Europa zeigen sich genau populistisch wie andere Akteure in der politischen Rechten, Linken oder im Umweltbereich. Sie können es sozusagen „genauso gut“. Man hat es nur noch nicht gesagt – in der Forschung habe ich jedenfalls nicht allzu viel dazu gefunden. Das hat mich dazu bewogen, den Begriff des Populismus auf ebendiese Akteure und Bewegungen aus dem Feld des Islamismus anzuwenden – und es hat funktioniert: Eine wichtige neue Analysekategorie ist damit entstanden. Diese ersten Eindrücke habe ich dann in einem Text zusammengeschrieben, den die Dokumentationsstelle Politischer Islam vor ein paar Wochen als DPI-Focus publiziert hat und dem ich den Titel Was ist populistisch am politischen Islam? gegeben habe.
Der Text ist streng genommen keine Studie – dafür ist er methodisch zu eindimensional und inhaltlich noch zu dünn. Was ich da geschrieben habe, ist mehr so etwas wie ein „Zwischenruf“ in einer laufenden Debatte. Damit versuche ich zu zeigen, dass man den Begriff Populismus auch auf den sogenannten Politischen Islam anwenden kann. Dabei geht es mir ausdrücklich nicht um gewaltbereiten Extremismus oder Terrorismus. Vielmehr geht es um eine andere, oft übersehene Form von politisch-religiöser Mobilisierung – nämlich um Akteure, die religiöse Sprache und Identität nutzen, um politischen Einfluss zu gewinnen und demokratische Prozesse unter Druck zu setzen.
Der Begriff des Populismus ist deshalb so hilfreich, weil er uns hilft, Entwicklungen zu erkennen, die noch nicht extremistisch sind, aber trotzdem problematisch sein können. Auf Populismus zu achten, kann das Immunsystem offener Gesellschaften stärken: Man lebt mit ihm, muss ihn aber nicht übernehmen. Wachsam gegenüber den Verlockungen des Populismus zu bleiben heißt, genauer hinzublicken auf solche politischen Dynamiken, die nicht illegal sind, die das Funktionieren einer offenen Gesellschaft aber auf langsame und stetige Weise stören können.
Ein wichtiger Punkt meiner Studie ist deshalb: Populismus ist Teil eines demokratischen Systems (Kolja Möller), kann aber dieses demokratische System in seinem Funktionieren beeinträchtigen. Populisten sind Energievampire. Sie rauben Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit – Ressourcen, die wir eigentlich für echte politische Probleme brauchen. Populismus gibt es in vielen politischen Richtungen. Man findet ihn rechts und links, im nationalen oder im ökologischen Spektrum. Wir sehen ihn in großen und in kleinen Ländern. Er wirkt auf Menschen in Deiner und in meiner Familie. Im Zusammenhang mit islamistischen Bewegungen wurde dieses Muster meiner Meinung nach bisher noch zu wenig beachtet.
Ein typisches Merkmal populistischen Auftretens ist der Anspruch, für „das ganze Volk“ zu sprechen. Im Kontext des Politischen Islams bedeutet das oft, dass einzelne Aktivisten behaupten, für „den Islam“ oder „alle Muslime“ zu sprechen. Man hört dann Aussagen wie: „Wir Muslime denken…“ oder „Der Islam verlangt…“. In Wirklichkeit vertreten diese Personen aber nur die eigene politische Agenda – eine Agenda, der andere Musliminnen und Muslime nicht notwendigerweise folgen. Genau dieses Auftreten kennen wir auch aus anderen populistischen Bewegungen: Einzelne erklären sich selbst zur Stimme für eine ganze Gemeinschaft.
Ein weiteres Problem entsteht dadurch, dass populistische Akteure die große Vielfalt innerhalb des Islams gern ignorieren. Unterschiedliche religiöse Interpretationen, individuelle Formen der Religionsausübung oder auch säkulare Lebensweisen werden dann schnell als Abweichung von einer angeblich „wahren“ islamischen Ordnung dargestellt. Dadurch entsteht sozialer Druck innerhalb muslimischer Gemeinschaften. Gleichzeitig wird häufig eine Art religiöse Erneuerung propagiert, die sich bewusst gegen pluralistische Gesellschaftsmodelle auch im Islam richtet.
Populistische Rhetorik arbeitet außerdem mit Vereinfachungen. Komplexe gesellschaftliche Probleme werden auf einfache moralische Gegensätze reduziert. Diskriminierungserfahrungen, die es leider ja wirklich gibt, werden zurecht aufgegriffen, aber dann einseitig selektiv überzeichnet, um die eigene politische Erzählung zu stärken. Daraus entsteht dann ein Weltbild, in dem ein vermeintlich dekadenter „Westen“ einer moralisch überlegenen islamischen Ordnung gegenübergestellt wird. Staatliche Institutionen, Medien oder politische Eliten werden dabei als grundsätzlich feindlich gegenüber Muslimen dargestellt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Ebene der Symbole: Kleidung, Rituale oder bestimmte Verhaltensregeln werden zu sichtbaren Zeichen einer exklusiven Identität gemacht. Dadurch versuchen populistische Aktivisten, die Deutungshoheit darüber zu gewinnen, was „echter“ Islam sei. Kritik an ihrer politischen Ideologie wiederum wird gern als Angriff auf die Religion selbst dargestellt.
Mir ist wichtig zu betonen: Was ich in meinem Focus sage, ist keine Kritik am Islam oder an Muslimen. Im Gegenteil – politisches Engagement von Musliminnen und Muslimen ist für unsere Gesellschaft lebenswichtig. Jetzt mehr noch als früher. Wir leben in unruhigen Zeiten, und da müssen alle Menschen Schulter an Schulter zusammenstehen. Letztlich stehen wir alle vor Gott, der unser aller Richter ist. Da brauchen wir keine populistischen Schreihälse. Gerade deshalb sollten wir aufmerksam sein, wenn populistische Akteure bestehende Spannungen ausnutzen und noch vertiefen. Der Begriff islamistischer Populismus kann helfen, solche Dynamiken rechtzeitig zu erkennen.
(Anmerkung: Es handelt sich um Auszüge eines im 15. EUKH-Newsletter veröffentlichten Interviews vom März 2026.)