Im Rahmen vom EU Knowledge Hub (EUKH) wird unter anderem das digitale Magazin „The Hub. Insights“ veröffentlicht, das Wissen zu Radikalisierung und Extremismus in einem leicht zugänglichen Format bündelt. In der Juni-Ausgabe erschienen unter anderem Beiträge von Experten der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI): Alexander Weissenburger widmete sich in seinem Artikel dem Thema „Der Salafismus als modernes Phänomen in einer postmodernen Welt“, während DPI-Autor Markus Wagner den Artikel „Das Ende von Ideologien?“ veröffentlichte.
Salafismus zählt zu den dynamischsten Strömungen des Islam und bildet eine zentrale Herausforderung der Radikalisierungsprävention. Schon in seiner legalistischen Form propagiert er den Rückzug aus der Gesellschaft, restriktive Geschlechternormen und ein manichäisches Weltbild, welches über Missionierung (da‘wa) verbreitet wird.
In seiner radikalsten Ausprägung befürworten seine Anhänger auch terroristische Gewalt. Trotz seiner Rückwärtsgewandtheit, handelt es sich beim Salafismus um ein strukturell modernes Phänomen.
Entstehung und Radikalisierung des Salafismus
Das Ende des 19. Jahrhunderts markiert den Anfang des Salafismus in seiner heutigen Ausprägung. Dabei ging es insbesondere darum, den Islam alleine aus dem Koran und der Sunna Mohammads neu zu verstehen und ihn nach dem Vorbild der ersten islamischen Generationen, der sogenannten rechtschaffenden (al-ṣalaf al-ṣāliḥ) zu leben. Zunächst ging es darum, den Islam zu modernisieren. Nach dem Ersten Weltkrieg, orientierten sich Salafisten am entstehenden saudischen Staat und übernahmen von dort den Wahhabismus, was in der Kombination zur Entstehung des Neo-Salafismus führte. Ab Mitte der 1950er Jahre politisierten nach Saudi-Arabien geflohene Mitglieder der Muslimbruderschaft diese Strömung. Mit dem Ölboom der 1970er Jahre instrumentalisierte Saudi-Arabien den Neo-Salafismus als Soft-Power-Instrument gegen Sozialismus und Republikanismus im Nahen Osten. Durch Migration erreichte die Strömung in den 1980ern schließlich auch Europa.
Gegenentwurf zur Moderne
Salafisten legen den Koran wörtlich aus und propagieren den aus ihrer Perspektive „wahren Islam“. Dabei gelten der Koran und die Sunna Mohammads als vollständige Anleitung für alle Lebensbereiche. Die traditionell fünfstufige Beurteilung menschlicher Handlungen des Mainstream-Islams wird im Salafismus auf ein binäres System von verboten (ḥarām) und erlaubt (ḥalāl) reduziert.
Salafismus ist attraktiv, weil er in einer postmodernen Welt halt gibt. Seine klaren Grenzen zwischen richtig und falsch, innen und außen sprechen besonders Jugendliche an, die sich nach Sicherheit und Klarheit sehnen. Er bietet ihnen Halt gegen Zweifel und Beliebigkeit und vermittelt das Gefühl, einer auserwählten Gemeinschaft anzugehören. Salafistische Radikalisierung ist demnach nicht nur ein Produkt individuellen Unrechtsempfindens, sondern auch Ausdruck breiterer gesellschaftlicher Entwicklungen.
Ideologieübergreifende Bündnisse in Europa
In den vergangenen Jahren, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, lassen sich in Europa vermehrt ideologieübergreifende Kooperationen zwischen extremistischen Gruppierungen ausmachen. Auf zahlreichen Demonstrationen in westlichen Städten konnten Bündnisse zwischen Linken und Rechten sowie zwischen Anhängern der Queer-Bewegung und islamistischen Strömungen beobachtet werden.
Bei genauerer Betrachtung von islamistischen Akteuren in Europa wird sichtbar, wie diese soziale Netzwerke für sich nutzen, um die gegen sie erhobenen Extremismusvorwürfe zurückzuweisen. Dabei rahmen sie diese als Ausdruck einer angeblich von westlich geprägten Gesellschaften ausgehenden „Islamophobie“, während sie ihre ideologischen Positionen, wie beispielsweise die grundsätzliche Ablehnung demokratischer und pluralistischer Gesellschaftsmodelle, auf subtile Weise nach außen transportieren.
Die Beiträge islamistischer Influencer sind professionell gestaltet und darauf ausgelegt die handelnden Akteure als zivilgesellschaftliche Initiativen zu inszenieren. Dabei werden ideologische Kernelemente wie die Errichtung eines Kalifats oder die Einführung der Scharia meistens nur indirekt angesprochen. Zudem ist zu beobachten, dass sie sich zunehmend an den Kommunikations- und Inszenierungsstrategien der extremen Rechten sowie der extremen Linken orientieren. Daraus folgt, dass sich verschiedene extremistische Gruppierungen in ihrer Darstellung immer stärker ähneln und für Außenstehende schwieriger voneinander zu unterscheiden sind.
Die beschriebenen Entwicklungen führen dazu, dass es für die handelnden Akteure zur Herausforderung wird, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, mit dem sie sich von ähnlichen Gruppierungen abgrenzen können. Dadurch wird die langfristige Bindung von Anhängern erschwert. Daher ist davon auszugehen, dass extremistische Akteure zukünftig wieder ideologisch klarere Positionen einnehmen, um wieder mehr Anhänger generieren zu können.
(Anmerkung: Es handelt sich um Zusammenfassungen von Beiträgen der Juni-Ausgabe 2026.)
EU Knowledge Hub: The Hub. Insights